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11.06.2018 - Studienergebnisse vorgestellt: Veranstaltung zu Frauen in Minijobs in der Pflege und zur Aufstockung von Arbeitszeiten

Arbeitszeiten aufstocken. Vom Minijob zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in der Wertschöpfungskette PflegeAm 11.06.2018 fand die Veranstaltung „Fachkräftesicherung neu gedacht: Vollzeitnahe Teilzeitbeschäftigung unterstützen – Bessere betriebliche Berücksichtigung von Arbeitszeitwünschen in den Pflegeberufen“ statt.  Die Kooperationsveranstaltung mit dem Institut Arbeit und Technik zum Transfer der Studie „Arbeitszeiten aufstocken. Vom Minijob zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in der Wertschöpfungskette Pflege – Chancen für Frauen und kleine und mittlere Unternehmen in Emscher-Lippe führte dreißig Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Beratung und unternehmerischer Praxis zusammen, die sich angeregt über die Möglichkeiten und Grenzen der Ausweitung der Stunden des bereits vorhandenen Personals austauschten. Laura Schröer vom Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen stellte die zentralen Ergebnisse der Studie in den Themenblöcken 1: Bestandsaufnahme und quantitative Bedeutung von Minijobs in der Altenhilfe, 2: Aufstockung der Arbeitszeiten u.a. durch Umwandlung von Minijobs, 3: Neue Arbeitszeitmodelle und nachhaltige Arbeitsbedingungen vor. Darauf folgend stellten jeweils die Expertinnen und Experten ihre Ansichten und Ideen dar und das Publikum wurde danach aufgefordert, sich zu verschiedenen Fragestellungen zu äußern.

Runde 1: Bestandsaufnahme und quantitative Bedeutung von Minijobs in der AltenhilfeRunde 1: Bestandsaufnahme und quantitative Bedeutung von Minijobs
in der Altenhilfe. Beschäftigungssituation Emscher-Lippe entlang der Wertschöpfungskette Pflege. Austausch: Typisch für NRW? Input: Laura Schröer, Institut Arbeit und Technik Experte: Michael Thoma, Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Foto v.l.n.r.: Laura Schröer, IAT, MichaelThoma, MAGS, Andrea Blome (Moderation)

22% der Beschäftigungsverhältnisse in Emscher-Lippe sind Minijobs. In der Region Emscher-Lippe sind im Vergleich zu ganz NRW sehr viele Frauen ausschließlich geringfügig beschäftigt, während in ganz NRW die Mehrfachbeschäftigung häufig vorkommt. Außerdem sind überwiegend Frauen in Minijobs beschäftigt, die oft über eine gute Schulbildung und eine berufliche Ausbildung verfügen. 447 Personen verfügen über eine Ausbildung in der Pflege, sind also Fachkräfte. Anschließend schilderte Herr Michal Thoma (MAGS) die Situation von Minijobbern in NRW und ging auf zentrale Ergebnisse der RWI Studien aus den Jahren 2013 und 2016. Die Wissenschaftlerinnen des RWI wurden bereits im Kontext der Expertenbefragung der Minijob befragt. Anschließend äußerten sich die Gäste zu diesem Thema. Deutlich wurde, dass der Minijob aus Sicht der Anwesenden kein diskriminierendes Beschäftigungsverhältnis darstellt, sondern es als Überzeugungsarbeit der Betriebe gewertet wird, wenn sich beispielsweise Beschäftigte in Elternzeit zur Ausübung eines Minijobs bereit erklären. „Wir sind froh,  die Frauen wenigstens über einen Minijob halten zu können!“ So der allgemeine Tenor der Unternehmen. In der Pflege müssen im Gegensatz zu einigen anderen Branchen, Arbeitgeber und ArbeitgeberInnen von einer Aufstockung der Arbeitszeiten überzeugt werden, sondern es werden Wege gesucht, eine Aufstockung für Frauen attraktiv und überhaupt möglich zu machen.

Runde 2: Aufstockung der Arbeitszeiten u.a. durch Umwandlung von Minijobs?Runde 2: Aufstockung der Arbeitszeiten u.a. durch Umwandlung von Minijobs? Austausch: Wie gelingt die Umwandlung und/oder Aufstockung? Input: Laura Schröer, Institut Arbeit und TechnikExpertInnen: Manuela Seifert, (Vestische Arbeit), Steffen Dirx
(Vestische Arbeit), Cornelia Sczesny (Soziale Innovation)

Foto v.l.n.r.: Andrea Blome (Moderation), Manuela Seifert, Vestische Arbeit, Dr. Cordula Sczesny, Soziale Innovation

In Runde 2 ging es um die Aufstockung der Arbeitszeiten u.a. durch Umwandlung von Minijobs und die Möglichkeiten, wie diese gelingen kann. Hier kamen vor allem Arbeitsmarktexperten zu Wort. Manuela Seifert und Steffen Dirx schilderten die Arbeitsmarktlage und die Erfahrungen aus der Beratung  von Beschäftigten und Geschäftsführenden aus Sicht des  Jobcenters Kreis Recklinghausen. Dr. Cordula Sczesny , Geschäftsführerin Soziale Innovation, Dortmund mit großer Erfahrung im Handlungsfeld Umwandlung von Minijobs, berichtete aus Projekten, die die Zielsetzung hatten geringfügige Beschäftigung aufzustocken: Wie gelang die Umwandlung und wie motiviert man beschäftigte zur Mehrarbeit? Hierbei wurde wieder die besondere Situation der Pflegebranche deutlich: Der flächendeckende Fachkräftemangel hat dazu geführt, dass es eine überwiegende Beschäftigungssicherheit gibt und dass Schreckgespenst einer möglichen Scheidung bei den Minijobberinnen noch nicht automatisch zum Wunsch der Mehrarbeit führt. Ebenfalls wurde der bewusste Einsatz von Minijobberinnen zur Verbesserung der Dienstplankontinuität und der Abfederung von Auftragsspitzen diskutiert.

Runde 3: Neue Arbeitszeitmodelle und nachhaltige ArbeitsbedingungenRunde 3: Neue Arbeitszeitmodelle und nachhaltige Arbeitsbedingungen – Gestaltung von Arbeitsbedingungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Mama-Touren, flexible Dienstplanung, betriebliche Kinderbetreuung) Austausch: Welche der neuen Ansätze sind vielversprechend? Input: Laura Schröer, Institut Arbeit und Technik, ExpertInnen: Roland Weigel (konkret consult ruhr), Kerstin Pröse (Diakonisches Werk), Cordula Sczesny (Soziale Innovation), Ralf Sprave (Ambulante Dienste Sprave)

Foto v.l.n.r.: Roland Weigel, KCR, Rald Sprave, Ambulante Dienste Sprave, Kerstin Pröse, Diakonisches Werk Bottrop Gladbeck Dorsten, Dr.Cordula Sczesny, Soziale Innovation

Die dritte und letzte Austauschrunde befasste sich mit neuen Arbeitszeitmodellen und nachhaltigen Arbeitsbedingungen, die beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten. Die Experten und Expertinnen) diskutierten über Erfahrungen aus betrieblicher Sicht und gingen auf die Bedürfnisse der Beschäftigten sowie die Motivation und Anreize für Beschäftigte zur Aufstockung ein. Weiterhin wurden bereits erprobte Strategien bzw. Instrumente diskutiert. Um zur Mehrarbeit zu motivieren, können Betriebe neben finanziellen Anreizen die Arbeitszeit-Modelle individuell anpassen, beispielsweise „Mütter-Touren“ anbieten, bei denen die Mütter zum Beispiel um 8 Uhr statt um 6 Uhr mit der Pflege beginnen. Darüber hinaus können sie eine betriebliche Kinderbetreuung anbieten. Außerdem sind Führungskräfte wichtig, die mit den Beschäftigten wertschätzend umgehen. Eine weitere Anregung war, den Pflegekräften einen Dienstwagen zur Verfügung zu stellen, worauf jedoch der Einwand kam, dass solche Ideen durch die Pflege- und Krankenkassen nicht finanziert werden. Auch bei der besseren Bezahlung von Führungskräften erweist sich die Refinanzierung als schwierig. Im Landesrecht gibt es sehr viele Bestimmungen, die einen hohen Verwaltungsaufwand in der Pflege mit sich bringen, so dass bei der sozialen Teilhabe keine gute Relation von Kosten und Nutzen gegeben ist. Das Steuerrecht ist ein weiteres Hindernis auf dem Weg vom Minijob in eine Beschäftigung mit höherer Stundenanzahl. Somit ist auch die Politik gefragt, etwas zu ändern. Des Weiteren beschränkt sich die Pflege nicht nur auf die klassische Grundpflege und die klassischen Betreuungsmöglichkeiten, sondern auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten und neue Betreuungsangebote zählen dazu, was den Beschäftigten aufgezeigt werden soll, um die Attraktivität des Pflegeberufs zu verdeutlichen im Gegensatz zum schlechten Image der Pflege. In der Tagespflege hat man beispielsweise einen Job, der von 9 Uhr bis 17 Uhr dauert. Auch Kompetenzen jenseits der klassischen Pflege können eingesetzt werden, zum Beispiel ältere Menschen in Kontakt mit Technik zu bringen. Zudem wurde eine Kooperation von Institutionen in der Pflege als wichtig erachtet. Außerdem muss man sich auf die neuen Generationen einstellen, denen zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehr wichtig ist. Hierzu wurde noch angemerkt, dass Betriebe in der Pflege bereits familienfreundlich sind.

In einer Abschlussrunde gaben Michaela Evans (IAT) und Bettina Vaupel (Kompetenzzentrum Frau & Beruf Emscher-Lippe) einen Überblick über zukünftige Entwicklungspfade und mögliche Chancen und Herausforderungen bei dem betrieblichen Vorsatz der besseren Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung. Bettina Vaupel ermunterte Unternehmen insbesondere dazu, bei ihren schwangeren Frauen ins Gespräch über die Gestaltung von Elternzeit zu gehen, um das noch wenig genutzte Instrument ElterngeldPlus zu nutzen, um die Beschäftigten zu halten.

Zusammenfassend wurden folgende Argumente für und gegen die Inanspruchnahme und das Angebot von Minijobs diskutiert:

Welche Gründe sprechen für Minijobs?

Die angeregte Diskussion zwischen den Podiumsgästen und dem Publikum, drehte sich auch um die Fragen warum Frauen Minijobs ausüben und warum Betriebe diese anbieten.  Bei nur 4,9% der Frauen, die sich eine Vollzeitstelle wünschen und  53%, die keine Veränderung anstreben, muss näher hingeschaut werden.

Aus Sicht von Betrieben und Beschäftigten ist beispielsweise der Qualifikationserhalt nach der Familienphase ein Grund und die Vorbereitung des Wiedereinstiegs ein Grund für Minijobs. Des Weiteren ist ein Minijob für den Wechsel in eine andere Tätigkeit geeignet.

Für die Betriebe bergen Minijobs ein Potenzial zur Gewinnung von Arbeitskräften, da diese das Berufsfeld kennenlernen und eventuell eine entsprechende Ausbildung machen. Die Betriebe haben Schwierigkeiten, überhaupt Pflegekräfte zu finden, daher sind sie froh, wenn sie Minijobberinnen und Minijobber für diese Tätigkeiten gewinnen können. Minijobs ermöglichen Betrieben zudem eine höhere Flexibilität und entlasten die Vollzeit-Arbeitskräfte, zum Beispiel als Wochenend-Aushilfen.

Für Frauen sind mögliche Gründe die nichtgelöste  Kinderbetreuung sowie eine starke Arbeitsbelastung in der Pflege, da beispielsweise eine 40-Stunden-Woche mit dementen Personen Pfleger und Pflegerinnen schnell und deutlich an die eigene Leistungsgrenze führt. In der Regel wählen die Frauen Minijobs, die annehmen, finanziell abgesichert zu sein, z.B. durch den Partner. Die Aufstockung der Minijobs lohnt sich kurzfristig gesehen für die Beschäftigten aus Steuergründen häufig nicht.

Welche Gründe sprechen gegen Minijobs?

Für die Betriebe ist das Angebot von Minijobs teurer als eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, da sieÜberstunden vergüten müssen. Des Weiteren sind die in Minijobs Beschäftigten wenig in die Teams eingebunden, da sie nur wenige Stunden in der Woche arbeiten. Das Personal, das beispielsweise nur am Wochenende arbeitet, bekommt außerdem wichtige Ereignisse und Abläufe nicht mit. Die Qualität der Pflege ist ebenfalls nicht unbedingt sichergestellt. Kleinbetriebe haben zudem einen kleineren Pool an Arbeitskräften und die Flexibilität ist somit nicht wie bei einem größeren Unternehmen gegeben.

Da es sich nicht um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung handelt, ist die Rente der Frauen nicht sicher. Auch die Absicherung durch den Partner kann durch Scheidung oder Krankheit wegfallen. Allerdings dürfte eine Fachkraft in der Pflege aufgrund des Fachkräftemangels kaum Schwierigkeiten haben, dann eine Vollzeitstelle zu finden. Minijobs sind nicht existenzsichernd und sollten daher nur für eine befristete Phase ausgeübt werden. Zudem verhindern Minijobs Weiterbildungen. Darüber hinaus stelle sich heraus, dass häufiger gesetzliche Rahmenbedingungen bei Minijobs nicht eingehalten werden wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie bezahlter Urlaub und geringe Löhne unter Mindestlohnniveau. Dies betrifft ca. 20% der Minijobberinnen und Minijobber.

Fazit

Nur wenige Frauen wünschen sich die Aufstockung ihres Minijobs. Dies hängt mit den steuerrechtlichen und zum sozialversicherungsrechtlichen Vorteilen einer ehelichen Partnerschaft, ungelösten Betreuungsfragen und der hohen Arbeitsbelastung in der Pflege zusammen. Möglichkeiten, diese dennoch zu einer Aufstockung zu motivieren, werden  in flexiblen attraktiven Arbeitszeitmodellen für Mütter gesehen, einer guten Zusammenarbeit im Team, den wertschätzenden Umgang von Führungskräften mit den Beschäftigten, dem Aufzeigen weiterer beruflicher Chancen, einer Verbesserung des Images der Pflege sowie der Änderung des Steuerrechts, damit Mehrarbeit sich auszahlt.

Studienergebnisse vorgestellt: Veranstaltung zu Frauen in Minijobs in der Pflege und zur Aufstockung von Arbeitszeiten

v.l.n.r.: Laura Schröer, IAT, Andrea Blome (Moderation), Roland Weigel, KCR, Kerstin Proese, Dian konisches Werk Bottrop Gladbeck Dorsten, Dr. Cordula Sczesny, Michaela Evans, IAT, Michael Thoma, MAGS

Studienergebnisse vorgestellt: Veranstaltung zu Frauen in Minijobs in der Pflege und zur Aufstockung von Arbeitszeiten

Zusatzinformationen:

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44575 Castrop-Rauxel

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