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04.05.2020 - Eine Arbeitsdynamik, die sehr viel Potenzial für Neues freisetzt

#wirnutzenchancen - Interview-Serie von und für Unternehmen am Niederrhein

Wie gehen Menschen und Unternehmen in der Region Niederrhein mit der aktuellen Krise um? Antworten finden Sie in unserer neuen Interview-Serie von und für Unternehmen. Das Motto lautet: #wirnutzenchancen.

Wie ergeht es in der Corona-Krise Leslie Clostermann? „Eine Arbeitsdynamik, die sehr viel Potenzial für Neues freisetzt“

Potenzial für Neues beobachtet Leslie Clostermann im Zusammenhang mit der aktuellen COVID-19-Pandemie. Aber sie erlebt ebenso viele Einschränkungen, die der speziellen Hofkultur einen Strich durch die Rechnung machen.

Leslie Clostermann

Leslie Clostermann, https://www.clostermann-organics.com
Bild: Constantin Grolig Photography


Leslie Clostermann lenkt die Geschicke des Familienunternehmens Clostermann Organics in fünfter Generation. Auf dem Neuhollandshof in Wesel-Bislich werden nicht nur Äpfel nach ökologischem Landbau und Demeter-Prinzipien erzeugt, sondern auch Veranstaltungen und Weiterbildungen im Kulturforum durchgeführt. Im Hofladen werden die eigenen Bio-Produkte verkauft und eine Imkergemeinschaft trifft sich, um mit den Bienen Honig zu produzieren. Normalerweise kommen also jede Menge Gäste und Besucher zur Familie Clostermann.

Frau Clostermann, welche Auswirkungen hat COVID-19 bisher auf Ihr Unternehmen, was genau ist auf dem Neuhollandshof anders als sonst?

Auch wir auf dem Neuhollandshof merken Veränderungen durch die Corona-Pandemie. Unsere Veranstaltungen leben vom unbeschwerten Miteinander, von herzlichen Gesten und dem Hof als offenem und freiem Begegnungsort. Diese unbeschwerten Begegnungen lassen sich für uns mit den aktuellen Vorschriften und den damit verbundenen Vorgaben nicht realisieren. Daher haben wir uns dazu entschlossen, alle Hofveranstaltungen bis in den Herbst hinein abzusagen. Da auch Großveranstaltungen bis Ende August von der Regierung untersagt wurden, fallen ebenso unsere beiden Hoffeste im Juni und September in einen kleinen Dornröschenschlaf. Ein Hoffest voller Desinfektionsspender, maskierter Besucher und Aussteller, voller Absperrbänder und Plexiglasscheiben ist einfach kein denkbares Konzept für uns. Es widerspricht der sonst herzlichen und offenen Atmosphäre des Hofes.

Was haben Sie in die Wege geleitet, um das Personal und die Besucher vor Infektionen zu schützen?

Hier haben wir uns natürlich an den allgemeinen Vorschriften orientiert, wie etwa Desinfektionsspender oder die Maskenpflicht. Für unsere Hofladenkunden, die ohne Maske kommen, liegen Masken bereit. Im Büro arbeiten wir in Schichten und getrennten Räumen, um den Kontakt zueinander zu verringern. Eine echt schräge Situation, sind wir doch sonst bemüht, in engem, persönlichem Austausch zu stehen. Auch Homeoffice haben wir unseren Büromitarbeiterinnen angeboten, als Mütter sind sie aber sehr dankbar, dass sie nach wie vor ins Büro kommen „dürfen“. Im Obstbau selbst spielt das Thema „Abstand“ eine weniger große Rolle. Die Plantage ist mit ihren 18 Hektar groß genug, um die Arbeitsplätze mit dem nötigen Sicherheitsabstand zu gestalten (lacht).

Befürchten Sie kurzfristige wirtschaftliche Einbußen und nehmen Sie eine veränderte Auftragslage wahr?

Unsere Hofprodukte, wie etwa der alkoholfreie „Apfelsecco“ oder das rheinische Apfelkraut, verkaufen wir nach wie vor sehr gut online oder über den deutschlandweiten Großhandel. Der Hofladen bleibt weiterhin geöffnet, aber durch den Wegfall der Veranstaltungen wird dieser schon weniger frequentiert. Unsere Absätze über die Gastronomie sind natürlich seit Anfang März auf null gefallen. Dort spüren wir die Auswirkungen deutlich und wünschen unseren Gastronomen, dass sie bald wieder ihre Pforten öffnen dürfen. Auch für den Einzelhandel bleibt es spannend, wie sich die Lage weiterentwickelt. Noch gibt es keine gravierenden Rückgänge, aber der Mai und die Sommermonate im Allgemeinen sind natürlich normalerweise geprägt von privaten Feierlichkeiten, wie etwa Hochzeiten, zu denen unsere alkoholfreien Sektalternativen sehr gerne gereicht werden.

Im Vertrieb sind Sie normalerweise viel auf Reisen, präsentieren Ihre Waren und besuchen die Kundschaft. Konnten Sie diesen Teil Ihrer Arbeit mithilfe von digitalen Tools neu gestalten?

Ehrlich gesagt: Jein. Die klassischen Aufgaben im Vertrieb bleiben etwas liegen. Kundenbesuche finden nicht statt, die kompensieren wir aber zum Teil durch Telefontermine. Die Neukundenakquise gestaltet sich da aber noch deutlich schwieriger. Viele Händler, die wir bis Februar als Interessenten aufgebaut hatten, konzentrieren sich nun erst mal auf das Wesentliche und möchten sich weniger mit Neulistungen beschäftigen. Auch wichtige Leitmessen, wie etwa die „Prowein“, wurden abgesagt. Was tatsächlich zurzeit eine Chance ist, sind Social Media und das Web. Anfang Mai schalten wir unseren Shop online, wo zukünftig nun auch über Klarna oder Paypal bezahlt werden kann. Wir werden dadurch auch die Anzeigenschaltung via Google Ads forcieren. Über Social Media bleiben wir im Dialog mit unserer Kundschaft und können auch dort noch mal unsere Produkte platzieren.

Bietet die Krise nicht allen auch eine besondere Chance, sich genau jetzt für neue Vertriebswege und Kommunikationsformen zu öffnen?

Wie oben schon erwähnt, bietet grade der Ausbau des Onlineshops neue Chancen. Hier stecken wir grade viel Zeit und Ideen rein, um diesen zu optimieren und zu bewerben. Das funktioniert auch tatsächlich sehr gut. Die Pandemie ist auch eine Chance, Projekte anzupacken, die bisher aufgrund des Tagesgeschäftes länger auf der Wartebank sitzen mussten. Wir spüren gerade eine ganz andere Arbeitsdynamik, die sehr viel Potenzial für Neues freisetzt.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Ausnahmesituation und wie blicken Sie persönlich in die Zukunft?

Die Pandemie sehe ich trotz allem als Chance. Wir packen gerade Projekte an, mit denen wir unsere Prozesse optimieren können. Dafür haben wir vor COVID-19 einfach nicht die Zeit gehabt. Dadurch, dass die klassischen Vertriebswege erst mal ruhen und zum Beispiel Messevorbereitungen nicht getroffen werden müssen, können wir so Projekte wie Social Media noch professioneller beleuchten, optimieren und überprüfen.

 

Interview: Tarek Lababidi

(Kompetenzzentrum Frau und Beruf Niederrhein)

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